Kanadischer Pinguin spricht deutsch

Linux-Rechner sind inzwischen weit verbreitet und in fast jedem Netzwerk anzutreffen. Eine neue Linux-Distribution muss also schon ganz besondere Merkmale zu bieten haben, damit sie auf breites Interesse stößt. Einfache Installation und schnelle Integration sind die Versprechen, die das von uns begutachtete Corel-Linux hier anbietet.

Von: Frank-Michael Schlede

Wer heute ein Linux-System einsetzen will und sich die Software nicht Stück für Stück von verschiedenen FTP-Servern im Internet zusammensuchen möchte, hat die Auswahl zwischen einer sehr großen Anzahl unterschiedlicher Distributionen. Während in Deutschland das bekannte Suse-Linux mit sechs CDs und einer riesigen Menge von Zusatzprogrammen unangefochten an der Spitze steht, ist es Börsenliebling Red Hat, dessen Red Hat Linux 6.1 den amerikanischen Markt beherrscht.

Das kanadische Softwarehaus Corel versucht sich nun seit dem Sommer des vergangenen Jahres ebenfalls in diesem Wachstumsmarkt zu profilieren. Dazu stellte man bereits im November 1999 die ersten Versionen der eigenen Linux-Distribution unter der Bezeichnung "Corel Linux Distribution (CLD)" auf der Corel Website zur Verfügung. Dieses Betriebssystem basiert auf dem Debian GNU/Linux. Bei Debian handelt es sich nicht um eine kommerzielle Linux-Distribution, sondern um ein System, das komplett und ausschließlich auf freier Software basiert. Damit unterscheidet es sich deutlich von den bekannten Distributionen von Suse, Red Hat oder Caldera, die alle neben den freien "Kernelementen" eine ganze Reihe von kommerziellen Paketen beinhalten. Dieses Betriebssystem genießt innerhalb der "Linux-Gemeinde" den Ruf, des absolut echten und wahren Linux. Aus diesem Grund ist es aber auch für den "normalen Anwender" nur sehr schlecht einzusetzen, da es beispielsweise eine ganze Menge Hintergrundwissen und Unix-Know-how erfordert, dieses System richtig und den eigenen Bedürfnissen gerecht zu installieren.

Da das Debian-System aber auch den Ruf großer Zuverlässigkeit und Stabilität genießt, wurde es von den Corel-Entwicklern als Grundlage der eigenen Distribution gewählt. Gleichzeitig haben die Kanadier den Anspruch, dieses System mit einer gut zu bedienenden Oberfläche und vor allen Dingen einfachen Installationsroutinen so zu erweitern, dass es sich zu einem "Massen-Linux" entwickeln kann. Wurden die ersten Vorabversionen diesem Anspruch noch nicht gerecht, so konnte bereits die Ende November erhältliche amerikanische Version von CLD zeigen, dass sich die Entwickler auf dem richtigen Weg befanden. Seit dem 17. Januar steht nun auch ein deutsches Release von Corel Linux 1.0 auf der Website von Corel zur Verfügung.

Diese Art der Distribution ist allerdings für deutsche Anwender nicht unbedingt ideal, bedeutet es, eine über 300 MByte große Image-Datei von einem FTP-Server herunterzuladen. Selbst unter Einsatz einer ISDN-Verbindung kommen so nicht unerhebliche Online-Kosten zustande. So ist es sicher weitaus praktischer, sich diese "Download-Version" von Corel direkt auf CD kommen zu lassen. Die deutsche Corel-Niederlassung berechnet 9,39 Mark plus Verpackung und Versand. Wer jedoch die Geduld und nötige On- line-Verbindung besitzt, kann das so erhaltene Image auf eine CD brennen und besitzt exakt die gleiche Version des Corel-Linux.

Praktische Autostartfunktion auch unter Windows - allerdings scheint es mit der Lokalisierung hier nicht so ganz geklappt zu haben.

Nach dem Einlegen dieser CD unter Windows startet diese automatisch und führt den Anwender interaktiv durch die Installation. Hier zeigt sich allerdings, dass man bei Corel mit der Lokalisierung noch nicht ganz bis in alle "Ecken und Winkel" des Betriebssystems vorgedrungen ist, wie obige Abbildung sehr schön zeigt. Kann der verwendete PC von der CD-ROM booten, so kann die Installation danach direkt beginnen.

Erfreulich ist es besonders für "Linux-Einsteiger", dass dieses Installationsprogramm die meisten Schritte automatisch durchführt: Der Anwender muss in der Regel nur einen Namen für den Benutzer eingeben und sich entscheiden, in welcher Partition der Festplatte "sein" Linux installiert werden soll. Hier kann das System sowohl die gesamte Festplatte, als auch eine entsprechend freie Partition übernehmen. Bei unserer Testinstallation kam ein Pentium-II-System mit einer SCSI-Platte zum Einsatz, auf der bereits drei andere Betriebssysteme installiert waren: Windows NT, Windows 95 und Suse-Linux 6.3. Die Installation verlief ohne Probleme. Als weitere Auswahlmöglichkeit bietet das System noch die Auswahl zwischen den folgenden Optionen:

- Desktop,

- Desktop Plus (mit Entwicklungsprogrammen),

- Server (beinhaltet zusätzlich einige Server-Module, wie etwa den Apache-Web-Server) oder

- Custom (User entscheidet, welche Pakete installiert werden).

Die Schnelligkeit dieser Installation ist wirklich beindruckend: Ist sich der Anwender darüber im Klaren, wie seine Festplatte aufgeteilt ist, so kann er sich nach ungefähr 20 Minuten an seinem Linux-Server anmelden.

Nach dem ersten Einloggen verlangt der Rechner dann endlich auch ein Passwort, sowohl für den aktuellen Account als auch für die Superuser-Kennung. Diese Vorgehensweise ist zwar schon besser als bei den ersten Vorab-Releases, bei denen man das System völlig ohne diese Absicherung betreiben konnte, aber es bleibt die Frage, warum Corel diesen Schritt nicht bereits bei der Installation vornimmt. Nur so ist nämlich sicher zu verhindern, dass ein Anwender mit einem nicht durch ein Passwort geschützten Superuser-Account ins Internet geht.

Ein weiterer Punkt, der viele Anwender beim ersten Start des Corel-Linux sicher überraschen wird, ist der kommentarlose Austausch eines bereits vorhandenen Boot-Managers durch die Corel-eigene Variante. Allerdings muss man diesem Programm zugute halten, dass es alle auf unserem Rechner vorhandenen Betriebssysteme erkannt und richtig eingebunden hat. Das geht so weit, dass alle Partitionen anderer Betriebssysteme, die sich auf dieser Platte befinden, ebenfalls automatisch beim Systemstart eingebunden und "gemounted" werden, so dass sie sofort zur Verfügung stehen. Corel verwendet zu diesem Zweck ein spezielles Unterverzeichnis mit der Bezeichnung "disks". Ein vorhandenes NTFS-Dateisystem wird dabei dem Start dieser Treiber unter Linux entsprechend unter dem Pfad "/disk/ntfs" für den nur lesenden Zugriff eingebunden.

Durch den erweiterten KDE-Desktop kann ein Corel-Linux in der Regel schnell und einfach in ein bestehendes Netzwerk integriert werden.

Natürlich interessiert es uns auch, wie leicht oder schwer die Konfiguration der Netzwerkunterstützung ausgefallen ist. Hier zeigte sich Corel-Linux von seiner besten Seite. Der Anwender findet im Steuerzentrum eine Bildschirmmaske, in der er entweder einen DHCP-Server angeben kann, oder IP-Adresse, Subnet-Maske und Standard-Gateway des entsprechenden Netzes eingibt. Nach Angabe dieser Information ist der Rechner sofort in das Netzwerk eingebunden und kann natürlich auch von anderen Rechnern erreicht werden. Ein Reboot ist für einen Unix-Rechner an dieser Stelle keinesfalls nötig. Die Konfiguration der Netzwerkkarte wurde dabei ebenfalls automatisch vom System während der Installation vorgenommen.

Die deutsche Version des Corel Linux 1.0 macht insgesamt einen weitaus ausgereifteren Eindruck als vorherige Versionen aus Ottawa. Die Lokalisierung ist größtenteils gelungen: Der Anwender findet auch im X-Terminal eine deutsche Tastaturunterstützung vor. Leider hat man bei Corel offenbar immer noch nicht realisiert, wie wichtig eine ISDN-Anbindung in Deutschland ist. Auch bei dieser Version wurde sie nicht integriert. Die Installation und Konfiguration ist generell sehr gut gelöst und wird laut subjektiver Meinung des Testers im Moment nur von Calderas "Open Linux 2.3" übertroffen.