Wunsch und Wirklichkeit

Wolf Graf Leiter Marketing, Internationale Daten, Vertrieb, bei der Wigeogis GmbH
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Für Internet- und Mobilfunkapplikationen fordern Verbraucher und Geschäftskunden höchstgenaue Kartengrundlagen. Diese sollten nicht nur ein Bundesland oder die Bundesrepublik abdecken, sondern möglichst ganz Europa oder am besten mehrere Kontinente.

Eine Routinglösung im Web ist für den Nutzer dann optimal, wenn er binnen Sekunden den schnellsten Weg von Wladiwostok nach Fago bekommen könnte, inklusive detaillierter Wegbeschreibung und Auflistung der besten Restaurants und günstigsten Hotels - die Hotelpreise natürlich tagesaktuell.

Für Location Based Services (LBS) könnte die optimale Lösung so aussehen: Sie stehen am Trevi Brunnen in Rom und suchen die nächste Prada-Boutique. Ihr Handy lokalisiert Sie, zeigt Ihnen auf einem farbigen Stadtplan ihre Position und den Standort des Geschäfts und führt Sie mit Hilfe der Funktion "Personal Tracking" direkt zur Boutique, egal ob Sie sich zu Fuß oder mit einem Verkehrsmittel fortbewegen. Das ist der Wunsch. Die Realität ist heute freilich noch eine andere.

Digitale Straßennetze (Landkarten), die ja eine Basis der beschriebenen Lösungen bilden, müssen praktisch jede Straße enthalten. Die Netze beider Großanbieter, Tele Atlas und Navtech, nähern sich seit Jahren diesen Anforderungen in Westeuropa und den Vereinigten Staaten immer weiter an. Leider endete die Datenerfassung bisher am ehemaligen Eisernen Vorhang. Polen, Ungarn, Tschechien - von Russland ganz zu schweigen - sind noch immer Terra incognita. Auf dem Weg nach Wladiwostok empfiehlt sich daher weiter die gute, alte Papierkarte.

Wollen Sie einen Standort hausgenau in einer LBS-Lösung finden, wäre es nicht schlecht, wenn dieser zuvor hausgenau geocodiert worden wäre.

Nehmen wir als Beispiel die Bundesrepublik: Bei höchstmöglicher Genauigkeit müsste ein einheitlicher Datensatz verfügbar sein, der circa 20 Millionen vermessene Anschriften und die dazugehörigen Koordinaten enthält.

Natürlich haben viele Gemeinden und Vermessungsämter diese Datensätze für ihre Gebiete schon erfasst. Diese nicht vollständigen Daten zu sammeln, sie durch einheitliches Format und Projektion verwertbar zu machen und die Nutzungsrechte jedes Datensatzes zu erwerben, wäre für Sisyphos Strafverschärfung und würde Krösus arm machen.

Sind Sie bescheidener und begnügen sich mit am Straßenabschnitt interpolierten Adressen, werden Sie zurzeit auch noch nicht restlos glücklich. Die großen Anbieter digitaler Straßennetze haben seit vergangenem Jahr nahezu alle Straßen erfasst und auch die verkehrsrelevanten Informationen wie Einbahnstraßen und Abbieggebote erhoben. Leider blieben die für die Geocodierung unerlässlichen Hausnummernbereiche unberücksichtigt. Doch die Problematik wurde erkannt und seither gibt es mit jeder neuen Version weitere Städte, für die Hausnummernbereiche verfügbar sind.

Im Jahre 2001 ist eine am Straßenabschnitt interpolierte Geocodierung für 50 bis 70 Prozent aller deutschen Adressen realistisch - mehr nicht. In anderen westeuropäischen Ländern sind es deutlich weniger. Die nächste Prada-Bou-tique in Hamburg oder München wird ihr Handy also kennen, beim Shopping in Rom müssen Sie leider noch selber suchen.