"UMTS ist unser Hauptthema"

Die Krise im Mobilfunkmarkt hat auch die Schulungsanbieter erreicht. Viele Unternehmen reagierten mit radikalen Sparmaßnahmen und Entlassungen. Ernesto Beneke, Chief Operating Officer der Top Business AG, rechnet mit einer Besserung der angespannten Situation nicht vor dem Jahr 2003.

Von: Wolfgang Kiersch

NetworkWorld: Welche Auswirkungen hat die wirtschaftliche Krise auf die Anbieter von IT- und TK-Schulungen?

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Ernesto Beneke: Durch die Flaute im TK-Sektor und die Investitionsverzögerung gerade im Mobilfunkbereich sind die Umsätze bei Dienstleistern in der TK-Branche durchschnittlich um 20 bis 30 Prozent zurückgegangen.

NetworkWorld: Wie stark hat der Konjunkturabschwung Ihr Unternehmen betroffen?

Beneke: Im Jahr 2001 wollten wir um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen, aber auch wir haben unser Planziel nicht ereicht. Im Bereich der TK- und IT-Schulungen rechnen wir mit einem Umsatzrückgang von zirka 10 Prozent gegenüber 2000.

NetworkWorld: Konnten Sie 2001 wie geplant 15 neue Mitarbeiter einstellen?

Beneke: Nein, dieses Vorhaben wurde gestoppt.

NetworkWorld: Welche weiteren Maßnahmen haben Sie ergriffen?

Beneke: Wir haben uns von fünf Mitarbeitern in der Probezeit getrennt und einen Investitionsstopp verhängt. Außerdem hat die Belegschaft einem Gehaltsverzicht von zehn Prozent bis Juni 2002 zugestimmt. Dadurch können weitere Entlassungen vermieden werden.

NetworkWorld: Wie sind die Aussichten für dieses Geschäftsjahr?

Beneke: Unsere Prognose für 2002 sieht vor, dass die ersten beiden Quartale relativ schwach verlaufen werden, so wie das zweite Halbjahr 2001. Wir rechnen mit einem Gesamtumsatz wie im Jahr 2001, erwarten also kein Wachstum.

NetworkWorld: Was hat die Krise ausgelöst?

Beneke: Nach meinem Eindruck wurde die Industrie durch die Prognosen vieler Experten künstlich angeheizt. Begonnen hat das mit dem Hype um die UMTS-Lizenzen (Universal Mobile Telecommunications System). Der Standard GSM (Global System Mobile) wurde erst fünf Jahre nach seiner Einführung zum Massenmarkt entwickelt. Bei UMTS dagegen erwartet man einen schnellen Markterfolg, obwohl die Technik noch nicht ausgereift ist.

NetworkWorld: Wann geht es wieder aufwärts?

Beneke: Solange die Gesamtwirtschaft sich nur zögerlich entwi-ckelt, wird man sich auch bei Schulungen zurückhalten. Der Markt erholt sich wohl erst 2003, bezogen auf Präsenzschulungen im TK-Sektor. In anderen Bereichen mag es besser aussehen, man muss hier differenzieren. Wenn neue Produkte auf den Markt kommen, kann der Aufschwung aber auch bereits in der zweiten Jahreshälfte 2002 einsetzen.

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NetworkWorld: Verschieben sich durch die schwierige wirtschaftliche Lage die Schulungsschwerpunkte?

Beneke: Derzeit wird vor allem im Vertriebswesen geschult, um die "Performance" zu erhöhen. Für diesen Bereich stehen momentan oft größere Budgets zur Verfügung als für die klassische Managementweiterentwicklung. Da geht es dann beispielsweise um die Themen "Wie kann ich mein Produktportfolio optimieren?" oder "Wie kann ich Kosten senken?".

NetworkWorld: Wie ist die derzeitige Stimmung unter den Schulungsteilnehmern?

Beneke: Im zweiten Halbjahr 2001 spürte man bei manchen eine Ernüchterung. Die einhellige Meinung ist, dass UMTS später kommen wird als erwartet, das dämpft die Stimmung.

NetworkWorld: Wo liegt der Schulungsbedarf?

Beneke: Paketvermittelte Übertragungstechnik ist das Hauptthema. Im Besonderen sind die Teilnehmer an der UMTS-Netzarchitektur interessiert, an der Migration von 2G auf 3G, der Evolution von UMTS sowie Unterschieden in der Funknetzplanung zwischen UMTS und GSM. Bei UMTS ist diese vollkommen anders. Es handelt sich eher um eine Code-Planung als um die klassische Frequenzplanung, wie sie bei GSM notwendig ist. Das Traffic-Planning ist vollkommen anders, hier wird eher eine IP-Planung statt der üblichen Verkehrsplanung im GSM-Bereich durchgeführt. Auch herstellerspezifische GPRS-Schulungen (General Packet Radio Service) sind sehr stark gefragt. Die Inhalte ähneln denen der UMTS-Kurse, da es sich ebenfalls um eine paketvermittelte Übertragungstechnik handelt.

NetworkWorld: Besteht auch noch eine Nachfrage nach GSM-Lehrgängen?

Beneke: Ja, Thema Nummer drei sind Upgrades der bestehenden GSM-Infrastrukturen. In den USA wird derzeit noch vor allem Analogtechnik eingesetzt, erst langsam findet ein Wechsel zu GSM statt. Einige unserer Kunden sind auch in Amerika aktiv.

NetworkWorld: Ist Edge (Enhanced Data Rates for Global Evolution) auch ein Thema?

Beneke: Nach Edge-Schulungen wird immer wieder gefragt. Bisher setzten die Betreiber in Europa nicht so sehr auf eine Weiterentwicklung der bestehenden, sondern auf die Einführung neuer Netze. Mit den Verzögerungen beim UMTS-Start wird jetzt aber auch in Europa mehr über Edge nachgedacht als noch vor einem halben Jahr.

NetworkWorld: Immer wieder weisen Bürgerinitiativen auf mögliche Gefahren durch Mobilfunk hin. Inwieweit sind diese Bedenken Inhalt Ihrer Vorträge?

Beneke: In jeder Schulung kommt die Frage "Ist das jetzt schädlich?". Die Leute wollen nicht nur wissen, wie Basisstationen funktionieren, sondern was ihnen passieren kann, wenn sie so eine Maschine bedienen. Wir vermitteln ihnen, welche Informationszentren es gibt und geben die aktuellen Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung wieder.

NetworkWorld: Ist Netzwerksicherheit auch ein Inhalt der Schulungen?

Beneke: Ja, seit auf den Mobilfunknetzen auch Datendienste angeboten werden. Wenn User beim M-Commerce oder E-Commerce sen-sible Daten wie Kreditkartennummern übermitteln, entsteht natürlich ein Sicherheitsproblem. Die reine GSM-Telefonie war dagegen relativ sicher, selbst die staatlichen Stellen hatten anfangs Schwierigkeiten, Gespräche abzuhören.

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NetworkWorld: Wie bekommt man die Sicherheitsprobleme in den Griff?

Beneke: Es gelten dieselben Regeln wie in der Internetwelt - also Tunneling, IPSec (IP Security) und Verschlüsselungsmethoden wie 3-DES (Triple Data Encryption Standard).

NetworkWorld: Welche neuen Anforderungen kommen mit den paketvermittelten Mobilfunktechniken auf die Unternehmen zu?

Beneke: Vor allem die Anschaffung neuer Endgeräte. Diese werden künftig wie die PCs zirka alle zwei bis drei Jahre erneuert werden. Marketingleute müssen wissen, welche Zielgruppe sie ansprechen und welche Dienste sie entwickeln können.

NetworkWorld: Spielen Zertifizierungen eigentlich eine Rolle?

Beneke: Ja, in der Branche sollte man möglichst viele Zertifikate haben. Einige unserer Kunden beschäftigen im Netzbetrieb oder in der Administration nur Leute, die bestimmte Zertifizierungen nachweisen können.

NetworkWorld: Müssen beim Einführen der Paketvermittlung Zugangstechniken geändert werden?

Beneke: Bei GPRS ist der Access, also die Luftschnittstelle, genau die gleiche wie bei GSM. Edge ist ein anderes Verfahren, operiert jedoch im GSM-Spektrum. Für UMTS benötigt man ein komplett neues Access-Netz. Auch die Endgeräte sind völlig neu, die Struktur, die Kodierung und die Chiprate - das gesamte Innenleben ist vollkommen anders. Von den GSM-Netzen können Sie nichts weiterverwenden, außer den Antennenmasten vielleicht.