Transmeta stellt Crusoe-Prozessor vor

Nach viereinhalb Jahren hat die sagenumwobene Firma Transmeta den Schleier über ihren Produkten gelüftet: Crusoe ist eine Familie von CPUs, die für eine neue Klasse von mobilen Internetgeräten und klassischen Notebooks taugen soll. Das Spitzenmodell soll zehn Mal weniger Strom verbrauchen als bisherige Prozessoren.

Die Spekulationen um Transmeta, die sich vor allem aus den Patenten der Firma nährten (siehe tecHistory rechts), haben sich im Wesentlichen als richtig erwiesen. Crusoe ist ein VLIW -Prozessor, der von einer speziellen Software gefüttert wird. Transmeta gibt an, dass der gesamte Befehlssatz eines x86-Prozessors von der "Code Morphing"-Software des Crusoe abgebildet wird. Mit diesem Code Morphing werden die CPU-Befehle von der Dekodierung bis zur Ausführung für die 128-Bit-langen VLIW-Instruktionen des Crusoe aufbereitet.

Durch die Verlagerung der Intelligenz eines Prozessors in die Software konnte Transmeta einen Großteil der Transistoren einsparen, sodass Crusoe weit weniger Strom verbraucht und auch weniger heiß wird. Auch unter Voll-Last soll Crusoe nur um 1 Watt verbrauchen, die Mobil-Version eines Pentium III benötigt bei 500 MHz über 10 Watt. Transmeta gibt die Oberflächentemperatur bei DVD-Wiedergabe eines Crusoe mit 700 MHz mit 48,2 Grad Celsius an, beim mobilen 500-MHz-PIII soll sie bei 105,5 Grad Celsius liegen. Das macht bei Notebooks weit einfachere Kühlsysteme als bisher möglich.

Neben dem ohnehin geringen Verbrauch soll Crusoe ähnlich wie Intels SpeedStep Takt und Spannung regeln können. Das übernimmt jedoch die Crusoe-Software automatisch je nach Belastung des Systems, und nicht nur wie bei SpeedStep in zwei Stufen. Bei 700 MHz arbeitet Crusoe mit 1,6 Volt, bei 400 mit 1,4 Volt, und bei 333 nur noch mit 1,2 Volt. Diese Technik nennt Transmeta "LongRun".

Links der TM 3120, rechts der TM 5400

In zwei Versionen hat Transmeta den Crusoe vorgestellt. Der TM 3120 läuft mit bis zu 400 MHz, verfügt über einen 96 KByte grossen L1-Cache und ist ab 65 Dollar zu haben. Die für ihn vorgesehene Code-Morphing-Software arbeitet vollständig in 32-Bit und soll vor allem mit einem "mobile Linux" eingesetzt werden, das Linux-Erfinder Linus Torvalds, seit zwei Jahren Angestellter von Transmeta, entwickelt hat. Der TM 3120 ist für "mobile Internet Devices" gedacht. Als Beispiel stellte Transmeta-Chef David Ditzel ein tastaturloses Webpad vor, auf dem ein Netscape-Browser mit zahlreichen Plug-ins für Multimedia-Wiedergabe lief. Das kleinste derartige Gerät der Präsentation war ein Webpad von der Größe eines Taschenbuchs. Lösungen für Mobiltelefone oder PDAs "wie den PalmPilot" wolle Transmeta aber nicht entwickeln, so Ditzel. Die Keywords für Suchmaschinen im Quelltext der Homepage von Transmeta enthalten aber auch "pda" - eine Planänderung bei Transmeta ist also nicht ganz ausgeschlossen.

Für klassische Notebooks ist der TM 5400 gedacht. Er läuft mit bis zu 700 MHz, hat 128 KByte L1-Cache und 256 KByte L2-Cache auf dem Die. Dort ist ebenfalls eine Northbridge untergebracht, die über Interfaces für SDRAM, DDR-DRAM, PCI und CardBus verfügt - alles, was ein Notebook braucht. Kosten soll der TM 5400 ab 119 Dollar. Die Software für diese Version des Crusoe 5400 soll auch mit 16-Bit-Code umgehen können und somit Windows 98 zum Laufen bringen. Das konnte Transmeta auch demonstrieren, indem Torvalds (natürlich auf einem Crusoe/Linux-Rechner) gegen einen Kollegen auf einem Crusoe/Windows-Rechner Quake spielte. Torvalds: "Wenn ich jetzt verliere, was nicht ganz unwahrscheinlich ist, liegt es sicher nicht am Betriebssystem!" Diese Einführung war nötig, der Linux-Erfinder unterlag mit 3:0 Treffern in dem in Deutschland indizierten Spiel.

Weniger unterhaltsam waren die Angaben zu Batterielaufzeiten und Performance eines Crusoe-Notebooks. Die Transmeta-Mannschaft erklärte Standard-Benchmarks schlicht für realitätsfremd, ließ sich aber immerhin zum Versprechen von der "mindestens doppelten Laufzeit" eines Crusoe-Notebooks im Vergleich zu einer bisherigen Lösung hinreißen. Zwei Stunden für einen DVD-Film seien mindestens drin, was man bisher mit Notebooks noch nie erreicht hätte, so Transmeta. Bei normalen Büro-Anwendungen soll ein Crusoe-Notebook dank LongRun einen ganzen Arbeitstag durchhalten. Vom Linley Gwennap, einem Analysten des renommierten Branchen-Newsletters "Microprocessor Report", brachte dieses Verhalten freilich Spott ein: "Wenn jemand sagt, dass Standard-Benchmarks nicht zu den eigenen Produkten passen, so heißt das meist, dass seine Produkte damit nicht besonders gut aussehen". Was Crusoe in puncto Performance/Laufzeit wirklich bringt, müssen also unabhängige Tests erst zeigen.

Gefertigt werden soll der Crusoe jedenfalls von IBM in 0,18 Mikron Strukturbreite, schon seit einem halben Jahr will Transmeta lauffähige Prozessoren haben. Wer die verbauen soll, wollte man noch nicht sagen. Etliche Firmen würden die CPUs aber im Moment testen, gab das junge Unternehmen an. Als Erstes sei mit Webdevices zu rechnen, Mitte des Jahres 2000 sollen die ersten Notebooks auf den Markt kommen. Für die bisher gezeigten Geräte will Transmeta CPU, Chipsatz, BIOS und das mobile Linux selbst entwickelt haben. (nie)