Reisen statt Software entwickeln

Der Siemens-Konzern hat seit 1997 seinen Mitarbeitern die Möglichkeit geboten, für mehrere Monate Abschied vom Job zu nehmen. Softwareentwickler Harald Heger ergriff die Gelegenheit und ging für sechs Monate auf Reisen. NetworkWorld sprach mit ihm über seine Beweggründe und Erfahrungen.

NetworkWorld: Von November 1998 bis April 1999 haben Sie ein sechsmonatiges Sabbatical in Anspruch genommen. Was waren ihre Beweggründe und was haben Sie in dieser Zeit getan?

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Harald Heger: Ich wollte eine längere Reise nach Australien, Neuseeland und in die Südsee unternehmen. Außerdem konnte ich so dem Winter in Deutschland entfliehen.

NetworkWorld: Mussten Sie Kompromisse eingehen?

Heger: Ja, eigentlich wollte ich viel länger wegbleiben und das Ganze über einen kürzeren Zeitraum finanzieren. Letztendlich verzichtete ich dann über zwei Jahre auf circa 17 Prozent meines Bruttogehaltes. Dafür erhielt ich vier Monate Freizeit. Zwei zusätzliche Monate ergaben sich aus Urlaub und Überstunden. Während des Sabbaticals bekam ich weiterhin 83 Prozent Gehalt. Siemens bezahlte außerdem die Sozialabgaben.

NetworkWorld: Wie stand Ihr Vorgesetzter Ihrem Entschluss gegenüber?

Heger: Ich habe einen sehr aufgeschlossenen Chef. Obwohl ich einer der ersten war, der ein Sabbatical in Anspruch nehmen wollte, war er sofort damit einverstanden.

NetworkWorld: Waren Sie nach Ihrem Langzeiturlaub motivierter für Ihre Arbeit?

Heger: Auf jeden Fall, in dem halben Jahr hatte ich mich gut erholt. Die ganze Zeit habe ich keinen Computer angefasst, außer in einem Internetcafe. Ich fühlte mich kreativer und aufnahmebereiter. Es war überhaupt kein Problem, sich wieder in Themen einzuarbeiten.

NetworkWorld: Bewirkte die Abwesenheit bei Ihnen einen Karriere-knick?

Heger: Das Sabbatical war überhaupt nicht karrierebehindernd, ganz im Gegenteil: Nach meiner Rückkehr boten sich Aufstiegschancen.

NetworkWorld: Siemens bietet auch noch andere Arbeitsmodelle an, wie zum Beispiel Teilzeit oder Telearbeit. Haben Sie nach der Auszeit eines dieser Angebote genutzt?

Heger: Nach Absprachen mit meinem Teamleiter und Vorgesetzten mache ich jetzt alternierende Telearbeit. Im Schnitt arbeite ich zwei bis drei Tage in der Woche im Büro und den Rest daheim. Vieles lässt sich zu Hause einfacher und schneller erledigen.