Vor- und Nachteile für Markt und Verbraucher

Pro und Contra - Die Nokia-Übernahme durch Microsoft

Microsoft kauft die Handy-Sparte des angeschlagenen finnischen Telekommunikationskonzerns Nokia für 5,44 Milliarden Euro. Die Computerwoche-Redakteure Manfred Bremmer und Jürgen Hill diskutieren das Für und Wider dieser Übernahme.

Im Zukunftsmarkt Mobile hatte Microsoft in letzter Zeit ein eher unglückliches Händchen: Trotz Partnerschaft mit dem Handy-Schwergewicht Nokia lagen Smartphones mit Windows-Betriebssystem wie Blei im Regal. Im Vergleich zu den Überfliegern von Android und Apple bewegen sich die Verkaufszahlen im einstelligen Prozentbereich. Und die lukrativen Zusatzgeschäfte mit Büchern, Videos oder Musik wie auf Google Play oder im Apple App Store waren in der Windows-Welt bisher eher marginal.

Während die einen deshalb in der Akquisition von Nokia durch Microsoft nur einen logischen Schritt nach der bisherigen Partnerschaft zwischen beiden Konzernen sehen, bewerten andere die Übernahme als eine Hochzeit der Verlierer. Für Computerwoche-Redakteur Jürgen Hill spricht dennoch vieles für eine Übernahme, während Computerwoche-Redakteur Manfred Bremmer den Kauf eher kritisch sieht.

Wird der bisherige Nokia-Lenker Stephen Elop der Nachfolger Ballmers bei Microsoft.
Wird der bisherige Nokia-Lenker Stephen Elop der Nachfolger Ballmers bei Microsoft.
Foto: Nokia

Wie Android war Windows Phone bislang ein offenes Öko-System, droht jetzt das Modell Apple?

PRO: Wieso drohen? Microsoft kann nur hoffen, dass es nun gelingt, ein einheitliches Öko-System aus Hardware, Software und Content sowie Services zu schnüren. Schließlich haben die letzten zehn Jahre mit Windows im Mobile Bereich gezeigt, dass ein offenes Öko-System nicht funktioniert. Und daran war nicht nur Microsoft als Betriebssystem-Hersteller schuld - meist lag das Scheitern einer Windows-Mobile-Variante schlicht am Unvermögen der sogenannten Partner, die adäquate, leistungsfähige Hardware zu verbauen.

Computerwoche-Redakteur Jürgen Hill argumentiert für die Übernahme.
Computerwoche-Redakteur Jürgen Hill argumentiert für die Übernahme.
Foto: Joachim Wendler

Und die fehlende Bereitschaft der Hardware-Hersteller selbst für ihre teuren High-end-Geräte nach einem Jahr ein Update zu liefern, taten ihr Übriges, um die Kunden zu vergraulen. Alles Probleme, auf die die Android-Welt derzeit zurennt. Deshalb scheint ein geschlossenes Öko-System wie es Apple verfolgt der bequemere Weg zu sein.

CONTRA: Auf dem Papier war Windows Phone zwar offen, in der Praxis hatte Microsoft aber eine ähnliche Kontrolle wie Apple, wenn man von Teile der Hardware einmal absieht. Hier gibt es dafür strenge Vorschriften über die Spezifikationen bis hin zur Wahl des Prozessors. So gesehen wird sich hier also - leider - fast nichts ändern.

Was spricht für Hardware und Betriebssystem aus einer Hand?

PRO: Für den Anwender spricht vieles für ein Smartphone-System aus einer Hand. Er kann sich darauf verlassen, dass alle Komponenten vom Betriebssystem über die Geräte-Hardware bis hin zum Zubehör miteinander harmonisieren. Ebenso steigt seine Chance, noch Updates für seine teure Hardware zu bekommen. Windows-Mobile-User, aber auch die Käufer von Samsungs Galaxy-Smartphones können davon ein Lied singen, wenn die mehrere hundert Euro teure Hardware nach einem Jahr für den Hersteller nur noch zum alten Eisen zählt, das er nicht mehr supporten will. Gleichzeitig lässt sich mit Hardware und Betriebssystem die Fragmentierung einer Plattform vermeiden, wie sie gerade bei Android zu beobachten ist.

Computerwoche-Redakteur Manfred Bremmer ist skeptisch, was die Ziele der Übernahme betrifft.
Computerwoche-Redakteur Manfred Bremmer ist skeptisch, was die Ziele der Übernahme betrifft.

CONTRA: Hier zeichnen sich theoretisch Vorteile ab. Ohne ernstzunehmende externe Hardwarepartner fällt jedoch der Druck für Microsoft weg, seine Software schneller weiterzuentwickeln und Funktionen zu integrieren, die die Plattform wettbewerbsfähiger machen. Ein schwerfälliger Dampfer wird nicht über Nacht zum Schnellboot. Selbst schnelle Updates und damit eine geringe Fragmentierung sind nur bedingt möglich, da bei Windows Phone anders als bei iOS Carrier-Branding gestattet ist. Neue Betriebssystemversionen werden nicht direkt aufgespielt, sondern müssen erst von den Partnern angepasst und freigegeben werden.

Welche Auswirkungen hat die Übernahme für den Consumer?

PRO: Auf den ersten Blick wird sich für den Consumer sicherlich die Auswahl verringern, denn Hersteller wie HTC, Huawei oder Samsung dürften jetzt Windows Phone den Rücken kehren. Allerdings sollte dies für den Verbraucher keinen herben Verlust darstellen. Von Nokia abgesehen war das Bekenntnis der anderen Hersteller zu Windows Phone eher halbherzig. Mittelfristig könnte das zu einem stabileren Preisniveau führen, so dass Windows-Phones künftig ähnlich wertstabil sind wie heute iPhones. Ferner könnte nun in der mobilen Windows-Welt vielleicht ein Marktplatz entstehen, der sich mit Apples Store messen kann.

CONTRA: Wenn Microsoft nicht sehr sensibel vorgeht, werden andere Player, zuletzt waren das immerhin noch HTC, Huawei und Samsung, wohl das letzte Interesse daran verlieren, eigene Windows Phones zu bauen. Die Auswahl geht zurück, gleichzeitig kann Microsoft noch als bisher stärker vorschreiben, was den Anwendern zu gefallen hat. Interessant könnten allerdings die Pakete werden, die Microsoft schnürt, um sich Marktanteile zu kaufen. Ähnlich wie bei der Xbox ist gut vorstellbar, dass man schon bald zu jedem gekauften Windows-Tablet oder -Ultrabook ein Smartphone gratis dazubekommt.

Können die Nutzer künftig attraktivere Endgeräte erwarten?

PRO: Ja, denn jetzt hat Microsoft Betriebssystem und Hardware in der Hand und kann so entsprechende Pflichtenhefte für neue Modelle definieren, ohne auf Hardware-Partner Rücksicht zu nehmen. Dass dies funktioniert hat Apple ja bereits bewiesen.

CONTRA: Nokia hat es nach langer Übung jetzt weitgehend geschafft, trotz Microsoft-Software und den strikten Vorgaben attraktive Geräte zu bauen. Der große Durchbruch ist ihnen damit aber auch nach gut zwei Jahren noch nicht gelungen. Windows Phone verbucht zwar steigende Marktanteile, das Wachstum wird aber primär durch billige Einsteigermodelle erzielt, die kaum Marge abwerfen.

Nach der Übernahme ist kaum Besserung zu erwarten, eher eine Verschlimmerung. So hilft gutes Hardwaredesign allein kaum, wenn das Grundkonzept eines Produkts falsch ist und man am Anwender vorbei entwickelt - man denke nur an die Anfänge von Windows Phone und zuletzt die Tablets mit Windows RT.

Zudem stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, was mit dem Feature Phones der Asha-Marke passiert. Microsoft hat auf diesem Gebiet keine Erfahrung, der Bereich verzeichnet zwar einen allmählichen Rückgang bei den Marktanteilen, ist jedoch gleichzeitig ein wichtiges Standbein von Nokia und besonders in Schwellenländern sehr bekannt.