Peking: Microsoft raus, Linux rein

Bei einem IT-Großauftrag der Stadt Peking kommt Microsoft als einziger von sieben Anbietern nicht zum Zug. Die chinesische Metropole setzt beim Betriebssystem künftig auf das heimische Redflag Linux. Die Entscheidung spiegelt einen Trend wider, der Microsoft den Zugang zu einem der interessantesten IT-Märkte verbauen könnte.

Wie die Marktforscher von Gartner in einer Analyse berichten, handelt es sich bei dem Auftrag um die Beschaffung von Betriebssystem, Office-Software und Virenschutzanwendungen. Von den sieben angetretenen Anbietern kommt Microsoft als einziger nicht zum Zug. Als Betriebssystem wird die Linux-Distribution von Redflag Software dienen, einem Spin-off der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Der Auftrag zur Lieferung der Office-Automation-Software ging an das ebenfalls in China beheimatete Unternehmen Kingsoft.

Microsoft ausgestochen: Statt Windows arbeitet künftig Redflag Linux auf den Rechnern in Peking.

Diese Entscheidung hat wohl weniger damit zu tun, was Gartner in der Analyse behutsam als "Schwierigkeiten, eine gute Beziehung zu pflegen" apostrophiert: dem nachvollziehbaren Widerwillen einer Volksrepublik gegen juristisch überführte Monopolkapitalisten. Auch das von Gartner monierte mangelnde Verhandlungsgeschick seitens Microsoft dürfte nicht das entscheidende Moment gewesen sein. Vielmehr wendet sich der Spieß des "intellektuellen Eigentums", den Microsoft so gern und lautstark gegen Linux ins Feld führt, jetzt gegen das Unternehmen selbst.

Bereits seit einiger Zeit denken Vertreter der chinesischen Regierung in der offiziellen Presse lautstark darüber nach, die heimischen Intellectual Properties stärker zu schützen. "In Sachen Umsatz sind wir eine internationale IT-Macht, aber wir müssen uns technologisch stärker entwickeln", kommentiert dazu Xu Sungcheng, der zuständige Amtsdirektor des chinesischen Ministeriums für die Informationsindustrie (MII). Als Hauptstoßrichtung der heimischen IT-Branche nennt er Linux - sowohl auf Betriebssystemseite als auch bei den Anwendungen. So beschäftig sich denn auch die größte staatliche Software-Schmiede Chinasoft vorrangig mit Linux und darauf basierenden E-Government-Lösungen.

Neben solchen grundsätzlichen Erwägungen spielen aber auch ganz konkrete Aspekte bei der chinesischen Affinität zu Open-Source-Software eine Rolle. So trat die Volksrepublik Mitte Dezember letzten Jahres der Welthandelsorganisation WTO bei. Das bedeutet unter anderem, dass die geschäftstüchtigen Chinesen nicht länger ihrer Neigung frönen können, alles und jedes illegal zu reproduzieren - von Nike-Turnschuhen und Rolex-Uhren über Benetton-Zwirn bis zu Microsoft Windows.

Ein offizielles Lizenzieren der dem Vernehmen nach weit verbreiteten MS-Raubkopien allerdings käme China teuer zu stehen. Linux-Software "kann den chinesischen Unternehmen helfen, Kosten zu sparen", umschreibt Zhang Qui, ein hochrangiger MII-Beamter, vorsichtig diese Tatsache. Deshalb werde die Regierung zukünftig vor allem die Entwicklung freier Software fördern. Es sei "ziemlich wahrscheinlich", dass China in Zukunft seine IT-Kerntechnologien selbst entwickle, präzisiert sein Vorgesetzter Xu Sungcheng.

In der Vorstandsetage in Redmond dürfte man solche Töne gar nicht gern hören - gilt China doch als der IT-Wachstumsmarkt der nächsten Dekade. IDC etwa veranschlagt in einer gerade veröffentlichten Prognose für China ein jährliches Umsatzplus von 25 Prozent bis 2010. Falls die Volksrepublik ihre Politik nicht ändert, bleiben Microsoft diese Pfründe jedoch höchstwahrscheinlich verschlossen. Fast noch ärgerlicher für Microsoft: Über eine Milliarde potentieller Linux-Anwender würden die OS-Marktanteile deutlich zu Microsofts Ungunsten verschieben. (jlu)