Neue Applikationen für das Handy

Mobilfunk-Anbieter werden ihre Rolle als reine Sprachdienst-Provider durch inhaltliche Dienste und Portale für mobile Terminals erweitern. Anwendungen im Bereich M-Commerce vereinen die Vorteile von mobiler Kommunikation und den bereits bestehenden Diensten.

Von: Kai-Oliver Detken

Der Vorteil von mobilen Anbietern ist, dass sie bereits eine große Anzahl von Kunden besitzen, die die der Internet-Teilnehmer überbietet. In Europa wird WAP zu einer explosionsartigen Entwicklung führen. Dies wiederum wird Investitionen für mehr Bandbreite notwendig machen. GPRS wird die erste Technik sein, die echte Vorteile für das mobile Internet für den Anwender bringt: GPRS/EDGE wird die theoretische Bandbreite erhöhen bis zu der von UMTS. Investitionen in UMTS, die dritte Generation, wird die Kapazitätsprobleme lösen.

Es gibt einige Gründe für die wachsenden Erwartungen auf dem M-Commerce-Markt. Mobile Kommunikation wird zum Massenprodukt, dadurch wird die Average Revenue Per User (ARPU), also die durchschnittlichen Einkünfte pro Teilnehmer, für die Netzbetreiber sinken. Innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre werden die Mobilfunktarife das Niveau der Festnetze erreichen, daher müssen die Netzbetreiber ständig neue Dienste für ihre Netze anbieten.

Die steigende Mobilität der Bevölkerung hat sicherlich einen großen Einfluss auf M-Commerce, denn die Nachfrage nach lokalen Informationen, egal wo man sich befindet, wird damit wachsen. Der mobile Handel ergibt eine weitere Einkunftsquelle, wenn die Bandbreite im Mobilfunk kein größeres Problem mehr darstellt.

Ein weiterer Grund für eine rasche Entwicklung in dem Markt ist der drahtlose Internet-Zugang. Die Anzahl der Internet-Anwender ist wesentlich geringer als die der Mobilfunkteilnehmer. Dies gilt insbesondere für die südlicheren Länder wie Italien, Griechenland und Portugal. Laut Forrester Research hat der E-Commerce bereits 1999 ein Volumen von acht Milliarden Euro erreicht und weitere hohe Zuwächse sind zu erwarten. Somit kann man mit der Einführung von M-Commerce noch höhere Wachstumsraten erwarten, allein durch die schon bestehende hohe Nutzung der Datendienste und die größere Anzahl von Teilnehmern. Mit M-Commerce wird den Netzbetreibern die Chance geboten, sich von anderen Netzbetreibern hervorzuheben, aber sie müssen vom einfachen Anbieter der reinen Infrastruktur für Sprach- und Daten-dienste zum Anbieter von Diensten und auch Inhalten werden. Mobile Portale und spezielle Lösungen für den Kunden müssen in das System integriert werden.

Dies alles kann natürlich nur geschehen, wenn die Hersteller entsprechende WAP-Gateways und Microbrowser-fähige Smartphones zur Verfügung stellen. Dies passiert im Moment mit Nachdruck. Aber es werden auch falsche Erwartungen geweckt, die die Verfügbarkeit von Geräten und Funktionen betreffen.

Entscheidend für die Entwick- lung des Marktes ist die Möglichkeit des Billing & Accounting von Diensten. Bandbreite muss zu einer uneingeschränkt vorhandenen Ware werden. Bis UMTS 2002/2003 eingesetzt werden kann, wird dies aber durch Engpässe in diesem Bereich nur begrenzt möglich sein. Das könnte dazu führen, dass die Einführung neuer Dienste zu einem kritischen Punkt in der Marktentwicklung wird. Bei den Netzbetreibern ist daher der Entwurf neuer Preismodelle gefragt.

Wichtigster Faktor um Marktanteile werden die UMTS-Lizenzen sein, die in den meisten europäischen Ländern im Jahre 2000 verteilt werden. Der Vorsprung durch UMTS, das IP-basierte Dienste mit den gleichen Endgeräten auf der ganzen Welt ermöglicht, wird nicht nur von den jetzigen Netzbetreibern genutzt, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen, sondern auch von der Medien- und Marketingindustrie, um als neue Anbieter am Markt zu bestehen.

E-Mail ist die wichtigste Anwendung für drahtlose Internet-Kommunikation. Sie stellt das am häufigsten benutzte Kommunikationsmittel dar, um mit Firmen, Geschäftspartnern oder Freunden in Kontakt zu bleiben. Elektronische Post ist ideal für Portale, da die Anwender regelmäßig überprüfen, ob sie E-Mails bekommen haben. Einige Provider wie Sonera und Mannesmann D2 bieten E-Mail Service bereits von Anfang an. Server-basierte Systeme, die auf WAP aufsetzen, bedeuten zum jetzigen Zeitpunkt einen wichtigen Wettbewerbsvorteil für jeden ISP und Mobilfunkbetreiber. Telfort Mobile hat beispielsweise ein E-Mail-Gateway installiert, das das SIM-Toolkit von Microsoft benutzt. Damit können Mails direkt zum Mobiltelefon gesendet werden. Mobile Instant Messaging (MIM) ist ähnlich dem Chat-Service ICQ, MSN-Messenger oder AOLs "Instant Messenger Service" im Internet. Während der mobile Teilnehmer am Netz ist (mit GPRS zu jeder Zeit), ermöglicht MIM die sofortige Überprüfung, ob ein anderer Teilnehmer erreichbar ist. Die Kommunikation verläuft ohne direkte Sprachverbindung in einer Chat-ähnlichen Umgebung. Mobile Messaging ist die logische Erweiterung von SMS, ohne die Beschränkung auf 160 Zeichen und in nahezu Echtzeitübertragung.

Microsoft brachte im September 1999 ein Produkt für Wireless Messaging heraus, während AOL und Motorola im Oktober übereinkamen, AOLs Instant Messenger in Motorolas neue Smartphones und Kommunikatoren zu integrieren. Damit sollen die Benutzer der in der Lage sein, mittels E-Mails mit Benutzer am PC zu kommunizieren. Unified-Messaging-Systeme (UMS) vereinigen verschiedene Dienste unabhängig vom Kommunikationsmedium und beachten mehr die Anforderungen des Kunden als die verschiedenen Techniken. Theoretisch enden alle sprachlichen Nachrichten von Festnetz- wie Mobiltelefonen, SMS, E-Mail, Fax und Instant Messaging im selben Briefkasten. Der Zugriff auf die verschiedenen Nachrichten kann dann über ein Gerät geschehen, egal ob nun PC, PDA, Mobiltelefon oder Faxgerät, unabhängig vom Device, das die Nachricht verschickt hat. Dies benötigt Sprache-in-Text- und Text-in-Sprache-Wandler. Die Qualität der Sprachausgabe ist zur Zeit noch ein Problem, daher verzögert sich die Entwicklung.

UMS wird bereits von verschiedenen Herstellern angeboten, darunter Comverse, Nokia, 2Communications und Dr. Materna. Die Implementierungen sind sehr unterschiedlich, jedoch ist die Integration von WAP wichtiger Bestandteil bei der weiteren Entwicklung von UMS. Einige Netzbetreiber setzen UMS bereits ein, zum Beispiel Singapore Telecom oder Telia. Telecom Italia hat "Universal Number" im November 1999 herausgebracht. Das Produkt erlaubt die Versendung von E-Mails direkt an Mobiltelefone ohne PC oder das Anhängen von WAV-Dateien an eine E-Mail, die dann mittels PC beim Betreiber abgespielt werden. In Italien ist die Anzahl der Mobiltelefone doppelt so hoch wie die Anzahl der PCs. Die schon sehr weit entwickelte Anwendung für IP-Dienste von oz.com und Ericsson "iPulse" verbindet Computer, PDAs und Festnetz- oder Mobiltelefone. Zusätzlich bietet sie Personal Information Management (PIM) und Web-Funktionalität. Da bereits einige Anwendungen auf dem Markt erhältlich sind, wird UMS innerhalb der nächsten zwei Jahre vermutlich zur Hauptanwendung werden.

Die Anwendungen für den M-Commerce setzen auf Applikationen wie E-Mail, Chat oder Unified Messaging auf.

In einigen europäischen Ländern wie Finnland, Deutschland und Großbritannien wird mobiler SMS-Chat bereits angeboten. Chat ist eine sehr beliebte PC-Anwendung im Internet, besonders bei den 15 bis 25-Jährigen. Dies ist die Zielgruppe auch für SMS, daher ist die Zusammenführung dieser beiden Anwendungen eine natürliche Folge. Dr. Materna hat eine Chat-Anwendung entwickelt, die eine Kombination von Online-Videotext und SMS darstellt. Ein weiterer Anbieter ist Wapit in Finnland. Mit der Einführung von Instant Messaging wird Chat auf diese neue Plattform wechseln und sich dann schneller und kostengünstiger gestalten.

Das Konzept für mobile Video-Telefonie wurde von den PDA-Herstellern entworfen als mögliche Anwendung für den mobilen Internet-Markt, trotz der bislang wenig erfolgreichen Erfahrungen in der Festnetz-Telekommunikation. Video-Telefone spielen jedoch in keinem europäischen Markt eine große Rolle.

Personal Information Management (PIM) ist im Gegensatz zu den Terminplanern, Adressverwaltungen in PDAs und Groupware-Software geräteunabhängig und im Netz lauffähig. Das hat den Vorteil, dass man von jedem Web-Browser, egal ob auf dem PC oder mit einem WAP-fähigen Mobiltelefon, darauf zugreifen kann.

PIM wird allerdings nur eine zusätzliche Funktionalität für Portale sein, da es nur für Leute sinnvoll ist, die nicht ständig ihren PDA oder Kommunikator mit sich herumtragen wollen. Die Verfügbarkeit, Sicherheit und die Synchronisation zu bestehenden Anwendungen wie MS Outlook oder Lotus Notes werden die kritischen Punkte bei der Entwicklung sein.

Auf Anwendungen wie E-Mail, Chat, IM, UM setzen M-Commerce-Applikationen auf. Hier zeigt sich die große Palette der Bereiche und Entwicklungen, die noch zu erwarten sind (siehe Bild). Mobile Finanzdienste spielen eine Vorreiterrolle für den Markt in Europa und darüber hinaus. Online-Zahlungssysteme und die Aktivitäten im Aktienhandel durch M-Commerce setzen neue Akzente. Finanzinstitute nutzen den Vertriebsweg über Mobilfunk und die mobilen Endgeräte. In einer aktuellen Studie von Nokia, in der nach dem Bedarf an mobilen Diensten gefragt wurde, sagten 85 Prozent der Befragten, dass Mobile-Banking die am meisten gefragte Anwendung sein wird.

M-Banking ist Teil des Online-Bankings und wird als weiterer Vertriebsweg genutzt, der die Kosten reduziert. Jeder Kunde, der den Online-Weg nutzt, spart der Bank Geld für operative Dienste. Da es wesentlich mehr Mobilfunkteilnehmer als Internet-Anwender gibt, ist hier die mögliche Kosteneinsparung höher. M-Banking beruht auf Diensten für private Informationen. Dafür ist die Unterstützung durch das SIM-Toolkit oder WAP und Sicherheitsmaßnahmen notwendig. Die einfachsten Lösungen basieren auf SMS-Nachrichten.

Die ersten SMS-Banking-Systeme wurden bereits 1992 von Merita Nordbanken in Finnland und Schweden eingesetzt. Inzwischen haben die Institute auch hier in Zusammenarbeit mit Nokia auf WAP umgestellt. Ebenso setzt die Deutsche Bank, eine der größten Organisationen für Finanzdienste, auf WAP und Nokia als Partner. Die German Direct und die Online Bank 1822direkt hingegen wollen eine Lösung, basierend auf dem SIM-Toolkit, anbieten.

Mobile Broking vereint sämtliche Vorteile von M-Commerce und wird auf dem Markt für den entscheidenden Durchbruch sorgen. Unabhängig vom Ort können Echtzeit-Informationen, wie zum Beispiel das Erreichen einer Stopmarke für einen bestimmten Aktienwert, dem Teilnehmer mitgeteilt werden und der kann sofort darauf reagieren. Dies hat einen hohen Stellenwert bei privaten wie professionellen Wertpapierhändlern.

Was aber noch fehlt, sind die Funktionen für Transaktionen. Der Kunde muss seinen Broker zurück- rufen, um die gewünschten Transaktionen zu tätigen, da mobile Broker anscheinend nur dem GSM SSL-Verschlüsselungsstandard vertrauen. In den nächsten fünf Jahren wird Mobile Broking der Hauptvertriebsweg für den Wertpapierhandel in Europa werden.

Für die Bezahlung von Diensten oder Gütern, die über mobile Anbieter gekauft werden, gibt es verschiedenen Ansätze. Die derzeitigen Lösungen, also das Aufladen einer Geldkarte über das Netz, basieren auf Dual-Slot-Mobiltelefonen. Sie haben ein Smardcard-Lesegerät im Telefon und sind daher größer, schwerer und nicht besonders robust. Obwohl einige Hersteller wie Motorola mit dieser Technik experimentieren, wird sie sich wohl nicht durchsetzen. Güter mit geringem Preis wie Automatengetränke, Passbilder oder Autowäsche können beispielsweise über Telefonnummern mit dem Preis entsprechender Gebühr abgerechnet werden. Die Abrechnung wird häufig von Service-Providern übernommen.

Es gibt weitere Systeme, die zum Beispiel mit Secure Socket Layer (SSL) und TANs arbeiten, die der Anwender bereits vom Online-Banking kennt. Noch in der Entwick- lung ist ein Konzept mit zweiter SIM-Karte, da die entsprechenden Handsets noch nicht existieren. Auch virtuelle Brieftaschen, die bereits aus dem Internet bekannt sind, werden hauptsächlich von Banken und Kreditkarteninstituten auch für Mobiltelefone angeboten. Die Lösung des Zahlungsproblems wird eine Schlüsselaufgabe für den Bereich M-Commerce werden. Bis jetzt haben sich noch keine Standards entwickelt, aber es ist anzunehmen, dass die bestehenden Systeme umgesetzt werden. Trotzdem bleiben auch hier noch Sicherheitsfragen offen.

Neben den Finanzdienstleistungen gibt es noch eine Reihe weiterer Anwendungen, die hauptsächlich den Verkauf von Gütern oder Dienstleistungen betreffen. So können Tickets über das Mobiltelefon bestellt werden, Shop-Systeme zumindest in eingeschränktem Maße realisiert werden, bei Auktionen mitgeboten werden, ohne vor Ort sein zu müssen, oder die Reservierung von Hotelzimmern getätigt werden.

Die Werbung wird das neue Medium erobern, wenn größere Displays zur Verfügung stehen. Insbesondere die Möglichkeit der ortsbezogenen lokalen Werbung ist ein großer Vorteil von Mobilfunkdiensten. Wenn entsprechend Bandbreite zur Verfügung steht, wird auch Mobile Entertainment zum Thema. Hierzu gehören Spiele über das Mobilnetz, Video- und Musik-Vertrieb und auch Wetten über das Mobiltelefon. Immer größere Beliebtheit erfreuen sich die Navigationssysteme im Autoverkehr, allerdings sind erst wenige teure Autos mit GPS-Systemen ausgestattet. (sf)

Zur Person

Dipl.-Ing. Kai-Oliver Detken

studierte Informationstechnik an der Universität Bremen. Heute ist er als Senior Consultant bei der WWL Internet AG tätig.