Gemeinsam sind wir stark

Nach Überzeugung vieler Marktbeobachter haben traditionelle Softwaremodelle, die auf die Optimierung interner Abläufe ausgelegt sind, ausgedient. An ihre Stelle treten Programme, die so genannte kollaborative Prozesse unterstützen. Die Hersteller arbeiten an entsprechenden Um- und Ausbauten, um den Neulingen den lukrativen Markt nicht kampflos zu überlassen.

Von: Achim Born

Unternehmen könnten durch die gezielte Verbesserung von Beschaffungs- und Distributionsprozessen, also effizientes Supply Chain Management (SCM), rund 50 Milliarden Euro einsparen. Zu diesem Ergebnis kommt die Beratungsgesellschaft Bain & Company (www.bain.de) auf Basis einer Befragung von 300 deutschen und amerikanischen Firmen. Über Internettechnik würden die Lieferanten viel stärker als bisher in Unternehmensprozesse eingebunden, vom Einkauf über die Produktion bis hin zum Absatz . Die hierbei entlang der Wertschöpfungskette entstehenden neuen Business-, Marketing- und Vertriebsnetzwerke kennzeichneten den Collaborative Commerce (C-Commerce), der heute schon Entscheidungen über neue betriebliche Anwendungssysteme erfordere.

eine Verschiebung in der Verteilung der Marktanteile zu Ungunsten von ERP-Software.

Für die Gartner Group besteht kein Zweifel, dass im Jahr 2005 nahezu die Hälfte aller Web-gestützten Umsätze kollaborativer Natur sind. AMR Research rechnet für die USA mit 120 Milliarden Dollar Wertschöpfung allein in dem Bereich der Supply Chain. Ähnliche Effekte lassen sich auf anderen Gebieten der unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit erschließen, etwa in der direkten Beschaffung (E-Procurement) oder dem Product Life Cycle Management. Im Prinzip kann sich kein Unternehmensbereich einer Kooperation mit Partnerfirmen entziehen. In so genannten "E-Business Networks" bilden sich dynamisch und aufgabenbezogen permanent neue Firmenbündnisse. Im Gegensatz zu bisherigen Collaboration-Szenarien erfolgt die Anbahnung der Zusammenarbeit nicht in einer Eins-zu-eins-Beziehung, sondern über einen Marktplatz.

Dabei ist laut Dwight Klappich von der Meta Group in den Unternehmen ein Umdenkprozess notwendig und die vorherrschende Mengenorientierung - dokumentiert durch bislang genutzte Kennzahlen wie Füllrate, Anlagennutzung et cetera - wird durch Wertorientierung (Gesamtzykluszeit, Gesamtanlagenrendite) abgelöst. Nach Einschätzung der Gartner Group stellt C-Commerce die logische Weiterentwicklung des simplen Kauf-/Verkaufsmodells der frühen E-Business-Tage dar. Eine enge Verwandtschaft zu Themen rund um das E-Business in all seinen Facetten, aber ebenso zu SCM (Supply Chain Management) oder CRM (Customer Relationship Management) lässt sich nicht von der Hand weisen.

Dass dabei komplett neue Anforderungen an die Unternehmenssoftware gestellt werden, ergibt sich beinahe von selbst. Denn wenn die Konkurrenz einzelner Unternehmen untereinander künftig vom Wettbewerb unter Firmengruppen abgelöst wird, so das britische Marktforschungsinstitut TBC Research (www.tbcresearch.com), bedarf es zwangsläufig im Rahmen der Partnerschaft einer weitreichenden prozesstechnischen Integration. ERP-Software (Enterprise Resource Planning), mit ihrem eingeschränkten Blickwinkel auf das Optimieren der inneren Unternehmensabläufe, scheint zumindest in der traditionellen Ausrichtung mit dieser Aufgabe eindeutig überfordert zu sein.

Junge E-Business-Firmen wie Ariba, Commerce One oder Intershop konnten in den noch jungen Märkten rasch Fuß fassen. Die traditionellen ERP-Anbieter, deren Programme die Anwendungsinfrastruktur und Informationsflüsse in Unternehmen nach wie vor dominieren, beschäftigten sich angesichts gut laufender Geschäfte in der Vergangenheit zunächst zu stark mit sich selbst und dem eigenen Markt. Viele der aufgeführten Anwendungsfelder waren ihnen außerdem nicht gänzlich unbekannt und wurden häufig als ergänzender Baustein angeboten. Software zur Vertriebssteuerung (SFA = Sales Force Automation) oder Verkaufsförderung (CAS = Computer Aided Selling), für integrierte Fertigung (CIM = Computer Integrated Manufacturing) besitzen zwar (funktionale) Parallelen zu CRM und SCM, im Gegensatz zu diesen orientieren sie sich aber nicht an den externen Beziehungen, sondern bleiben in der Perspektive auf das Unternehmen beschränkt.

"Um nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu schaffen, müssen Unternehmen in der Lage sein, unterschiedliche Anwendungen und Geschäftsprozesse zu integrieren, sowohl innerhalb des Unternehmens als auch in der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen", verdeutlicht Ed McVaney, Chef des ERP-Spezialisten J.D. Edwards, den Meinungsumschwung. Die einschlägigen Anbieter richteten ihre Software auf diese Integrationsanforderungen entsprechend aus und ergänzen sie um neue Funktionalität, die man entweder durch Kooperation und/oder Übernahme erhält.

Nahezu jeder bedeutende ERP-Hersteller offeriert deshalb heute mit seiner Software gleichzeitig eine Middleware-Schicht wie EAI (Enterprise Application Integration) oder Application Server. Peoplesoft etwa hat sich mit der neuen Version 8 vollständig von ihrem Fat-Client-Ansatz zu Gunsten einer Thin-Client-Architektur gelöst und nutzt Fremdprodukte wie Bea zur Kommunikation. JDE wiederum setzt auf die Integrationsleistung des erworbenen Codes "ActiveWorks" von Active Software, die seit kurzem zu Webmethods gehört, auf deren B-to-B-Integrationsserver auf SAPs Business Connector basiert. Qad und IBS favorisieren wiederum als Middleware IBMs "Websphere". Lücken in der Funktionalität wurden durch die Aufkäufe von Vantive (Peoplesoft) oder Numetrix (JDE) gefüllt.

In den vergangenen zwölf Monaten traten aber verstärkt Spezialisten wie Procurement-Anbieter Ariba oder SCM-Größe i2 auf den Plan und wollten durch Aufkäufe eine möglichst geschlossene Unterstützung von Collaboration-Szenarien bieten. i2 beispielsweise schluckte den E-Procurement-Anbieter RightWorks, während Ariba sich das PLM-Softwarehaus Agile einverleiben wollte. Ein erschreckend schwaches erstes Jahresquartal machte aber die Übernahme unmöglich. Ebenso musste i2 nach einer Gewinnwarnung einen Rückschlag an der Börse hinnehmen. Dagegen scheinen ERP-Anbieter, allen voran Peoplesoft und SAP, wieder auf dem aufsteigenden Ast zu sein.