Quip

Eine Textverarbeitung, mobile first

Bret Taylor ist mit 33 einer der angesehensten Software-Ingenieure im Silicon Valley. Er hat Google Maps miterfunden, Friendfeed gebaut und war danach CTO von Facebook. Seit Sommer 2012 macht er sein eigenes Ding.

Zusammen mit Kevin Gibbs, ebenfalls 33. Der hat die Google App Engine entworfen und nebenbei die Autocomplete-Funktion für die Google-Suche erdacht. Jetzt machen die beiden Quip. "Quip ist eine moderne Textverarbeitung, optimiert für das Zeitalter von Tablets und Smartphones", erklärte Taylor gegenüber "TechCrunch". Es sei doch komisch, dass eine Textverarbeitung heute im Wesentlichen immer noch genauso aussehe wie das erste "MacWrite" von 30 Jahren.

MacWrite von 1984 - die "Mutter" aller WYSIWYG-Textverarbeitungen...
MacWrite von 1984 - die "Mutter" aller WYSIWYG-Textverarbeitungen...

Quip sieht natürlich anders aus. Es ist schick. Es formatiert Dokumente automatisch passend für den jeweiligen Bildschirm, bietet eingebaute Collaboration-Funkionen und Messaging und funktioniert auch offline. Quip läuft zwar auch auf dem Desktop (genauer: im Browser), ist aber von Grund auf für mobile Endgeräte entworfen - eine Chance, die Microsoft und seine Epigonen viel zu lange ungenutzt ließen.

Quip-Nutzer können ihre Dokumente mit anderen Usern teilen. Alle gemeinsamen Bearbeitungen und dazu ausgetauschten Nachrichten verwandelt die Software in einen Chat-artigen Thread. Mitschreiber kann man über eine Anmeldung bei Google (und nicht etwa bei Facebook) finden, wo Quip dann auf die Kontakte zugreift. Auf einem iPad sieht man den Kommunikationsstrom seitlich neben dem Dokument; auf dem kleineren iPhone-Bildschirm wird er bei Bedarf als Slider eingefahren (ach ja: Quip-Apps gibt es einstweilen nur für iOS, Versionen für Android sollen bald folgen).

Ein Quip-Dokument, geöffnet in der iPad-App
Ein Quip-Dokument, geöffnet in der iPad-App
Foto: Quip

Andere Nutzer kann man per @ in Dokumenten erwähnen, leicht Bilder und Links auf andere Quip-Dateien und Ordner einfügen und natürlich Text mit Formatierungen auszeichnen. Von der "Desktop"-Startseite der App aus sieht man alle aktuellen Dokumente und kann seinen Posteingang auf neue Updates und Messages prüfen. Falls man die Internet-Verbindung verliert, kann man offline weiterarbeiten. Quip gleicht die Änderungen dann mit der Cloud ab, sobald man wieder online ist. Taylor weiß das besonders zu schätzen, weil er mit dem BART ins Büro in San Francisco fährt und dabei immer wieder in Funklöcher gerät.

Mit Microsoft Word arbeitet Quip übrigens nur rudimentär zusammen. Es kann Word-Dokumente weder importieren noch exportieren, sondern spuckt stattdessen PDF aus. Großen Wert hat Taylor allerdings auf möglichst komfortables Copy and Paste gelegt; Quip behält Formatierungen aus Word bei, wenn man Text über die Zwischenablage einfügt.

Quip hat nicht hunderte von Schriften, sondern nur zwei. Überschriften lassen sich nur in drei Größen anlegen und für Listen gibt es nur die Auswahl zwischen nummeriert, mit Bullet Points oder Checkboxen. Angeboten wird die neuartige Textverarbeitung im Freemium-Modell: Für bis zu fünf Nutzer ist Quip kostenlos, wer mehr User (und zentrale Verwaltung) braucht zahlt im "Business"-Tarif 12 Dollar pro Nutzer und Monat. Ein noch leistungsfähigerer "Enterprise"-Plan soll folgen.

Derzeit arbeitet ein Dutzend Leute (plus zwei Praktikanten) für und an Quip, für das Taylor und Gibbs in einer ersten Finanzierungsrunde 15 Millionen Dollar von unter anderem Benchmark Capital erhalten haben. Quip ist allerdings nicht Taylors erstes Startup - nach Google Maps hatte er bereits Friendfeed gebaut und später dann an Facebook verkauft.

Quip muss, um erfolgreich zu sein, zum einen die Idee aus den Köpfen der Nutzer vertreiben, dass man Text am besten auf dem Desktop verarbeitet. Und es muss sich allerlei Konkurrenz wie Apples "Pages", minimalistischer Apps wie "iA Writer" oder mächtigerer und teurerer wie "Textilus" erwehren.

Sowohl Microsoft als auch Google versuchen natürlich auch schon seit geraumer Zeit, ihre Produkte an neue Arbeitsumgebungen anzupassen, wo PCs nur noch neben anderen Geräten existieren. Es gibt zwar neuerdings eine mobile Version von Microsoft Office, die aber nur bestimmte Dokumente bearbeiten kann und auch kaum Collaboration-Features bietet.

Das liegt unter anderem auch daran, dass Microsoft seiner enormen Nutzerbasis keine zu steile Lernkurve zumuten kann und will. "Wir haben eine Milliarde Office-Nutzer", sagte die für Office-Marketing zuständige General Manager Julia White der "New York Times". "Man kann nicht verlangen, dass die sich jeden Tag umgewöhnen." Was natürlich nicht heißen soll, dass nicht Social-Media-Anhauchungen wie das "Liken" eine E-Mail als Lesebestätigung anstelle einer Antwort nicht bald in Office Einzug halten könnten.

Auch Google Docs, mittlerweile Teil des Online-Speichers Google Drive, wird laut Produkt-Manager Jonathan Rochelle laufend so angepasst, dass es besser auf mobilen Geräten arbeitet. Man habe damit auch immer schon online gemeinsam an Dokumenten arbeiten und auch Instant Messaging mit ins Spiel bringen können. "Die Herausforderung ist aber, das alles gemeinsam zu tun", sagt Rochelle.

Der Google-Manager weist auch noch auf einen anderen wichtigen Punkt hin: Sobald eine Menge Kollegen in einem Unternehmen eine bestimmte Software benutzen, gewöhnen sie sich andere deren Features wie Icons oder Schriftarten. Und es wird dann immer schwieriger, das Gewohnte zu verändern oder herauszunehmen.

Was vermutlich auch der Grund dafür ist, dass in Word, Google Docs und sogar Quip immer noch dieselben anachronistischen Icons wie Diskette oder Schere zu sehen sind. "Solange sich nicht die Geschäftsstrukturen ändern, wird da nichts passieren", sagt Matthias Crawford, der in Stanford an Mensch-Maschine-Interaktionen forscht. "Es gibt immer den Rückgriff auf Dinge aus der physischen Welt."

Bret Taylor sagt dagegen, seine Software spiegele nur die Veränderungen wider, die in der Welt schon geschehen seien. "Sehen wer an was arbeitet, mit ihnen chatten oder zu entscheiden mit ihnen gemeinsam zu arbeiten, das haben wir hier", sagt er mit einem Blick über Quips Großraumbüro. "Die Arbeitsplätze verändern sich und mit ihnen die Erwartungen."

Integrierte Kommunikation und Zusammenarbeit - mit Quip kann man einfach auch "nur" eine Einkaufsliste umsetzen.
Integrierte Kommunikation und Zusammenarbeit - mit Quip kann man einfach auch "nur" eine Einkaufsliste umsetzen.
Foto: Quip

Spannend ist natürlich die Frage, wo es mit Quip längerfristig hingehen soll. Schon jetzt kombiniert die Lösung Features aus einigen der besten Produktivitäts-, Collaboration- und Kommunikations-Anwendungen wie Google Docs, Hangouts, Asana, Yammer oder Skype. Bislang zwar nur im Zusammenhang mit der Bearbeitung von Texten - aber wenn das gelingt, sind Spreadsheets und Präsentationen natürlich der nächste logische Schritt.

Die Möglichkeiten einer integrierten Plattform für Kommunikation und Zusammenarbeit sind enorm (zumal wenn die auch noch mobile first ist) und machen Quip damit sehr wahrscheinlich auch zu einem Übernahmekandidaten. Taylor und Gibbs haben allerdings beide keinen lukrativen Exit mehr nötig und könnten das locker aussitzen. (Computerwoche/mje)