"Bald sieht es wieder besser aus"

Die Flaute im IT- und TK-Bereich dauert länger als erwartet. Viele Firmen der erfolgsverwöhnten Branche machen Verlust und entlassen scharenweise Mitarbeiter. Nach Ansicht von Jürgen Rohrmeier, New-Economy-Spezialist bei Kienbaum, wird sich der Markt jedoch bis Mitte kommenden Jahres erholen.

Von: Petra Riedel

NetworkWorld: Die Entlassungswelle im IT- und TK-Sektor setzt sich fort. Würden Sie die Lage als dramatisch bezeichnen?

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"Viele TK-Unternehmen haben gravierende Fehler bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter gemacht."

Jürgen Rohrmeier: Die Situation ist wenig ermutigend. Der Jobabbau hat stärker als befürchtet zugenommen. Die Ereignisse und Folgen des 11. September haben diese Tendenz noch verstärkt. Manche Unternehmen nutzen die Gelegenheit aber auch aus, um ihre Personalprobleme zu lösen.

NetworkWorld: In welchen Bereichen macht sich die Krise am deutlichsten bemerkbar?

Rohrmeier: Die Halbleiterindustrie ist am stärksten betroffen, da der Markt für Handys und PCs gesättigt ist. Zwar war die Entwicklung in diesem Sektor schon immer zyklisch, diesmal ist der Abschwung jedoch markanter als sonst.

NetworkWorld: Ist nicht auch der TK-Sektor stark in Mitleidenschaft gezogen?

Rohrmeier: Viele TK-Unternehmen haben gravierende Fehler bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter gemacht. Die Deregulation hat einen Boom ausgelöst, der hohe Investitionen ermöglichte und ein starkes Wachstum zur Folge hatte. Expandiert eine Firma schnell und achtet nicht sorgfältig auf die Mitarbeiterqualität, dann baut sich eine Mannschaft auf, die auf Dauer nicht tragbar ist.

NetworkWorld: Wie sieht es mit dem Dienstleistungssektor aus?

Rohrmeier: Den hat die Konjunkturflaute jetzt auch erwischt. Das ist für die betroffenen Firmen eine völlig neue Situation, da es bisher für die IT-Dienstleistungsindustrie immer nur aufwärts ging.

NetworkWorld: Was hätten die Unternehmen in der Vergangenheit besser machen können?

Rohrmeier: Sie hätten in mehr Qualität investieren und langsamer wachsen müssen. In den USA sagt man: "Cheap or good or quick. Choose two." Qualität ist eben nicht schnell und gleichzeitig billig zu haben. Vieles, was wir jetzt im TK-Markt beobachten, ist eine notwendige Konsolidierung.

NetworkWorld: Auf welche Veränderungen muss sich ein IT-Spezialist einstellen? Wird es schwierig, einen neuen Job zu finden?

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Rohrmeier: Es gibt nach wie vor einen großen Bedarf an IT-Fachkräften mit einer hohen Qualifikation. Niemand mit entsprechendem Know-how muss sich ernsthaft Sorgen um seine berufliche Zukunft machen. Probleme bekommen jedoch die Studienabbrecher und Quereinsteiger, denen das Hintergrundwissen fehlt. Schwierigkeiten haben auch Leute, die in der New Economy gearbeitet haben, wo die Qualifikation von Mitarbeitern oft eine untergeordnete Rolle spielte.

NetworkWorld: Viele Studienanfänger scheinen im Moment sehr verunsichert zu sein. Die Zahl der Einschreibungen für das Fach Informatik ist im Herbst deutlich zurückgegangen.

Rohrmeier: Das ist ein fataler Trend. Informations- und Kommunikationstechnik sind absolut zukunftsträchtige Fächer. Es ist wichtig, dass sich viele Schulabgänger für eine solche Ausbildung entscheiden. Der Bedarf an Fachkräften wird weiter steigen.

NetworkWorld: Welche IT-Funktionen haben Zukunft?

Rohrmeier: Trotz des Dotcom-Sterbens sollte niemand den Fehler machen, das Internet zu unterschätzen. Alle Kenntnisse bleiben gefragt, die damit zu tun haben, sei es in Netzwerktechnik oder Anwendungsentwicklung sowie den zugehörigen Programmiersprachen. Thin Clients sind im Kommen. Netzwerkexperten, die sich damit auskennen, haben gute Aussichten. Im Bereich Mobilfunk-applikationen wird es zu einem starken Wachstum kommen, ebenfalls bei IT-Dienstleistungen.

NetworkWorld: Bisher galt für Firmen bezüglich ihres IT-Personals die Devise: "Ausbilden und Halten". Können die Betriebe jetzt an der Weiterbildung sparen, weil das Personalangebot entsprechend größer geworden ist?

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Rohrmeier: An Personalbeschaffung, -bindung und -entwicklung zu sparen, wäre ein großer Fehler. In die Mitarbeiter zu investieren, ist im Moment wichtiger denn je.

NetworkWorld: Welche Instrumente der Personalbindung sind denn wirkungsvoll?

Rohrmeier: Gehalt und Zusatzleis-tungen sollten stimmen, aber damit allein wird eine Firma einen Mitarbeiter nicht auf Dauer halten können. Andere Dinge müssen dazukommen: ein angenehmes Betriebsklima, die Corporate Identity, Arbeit an innovativen Projekten, ein guter Führungsstil sowie Möglichkeiten der persönlichen Weiterentwicklung. In den USA hat sich ein neues Konzept namens "Employee Relationship Management" etabliert. Dahinter verbirgt sich ein integriertes Programm, ähnlich wie bei Customer Relationship Management (CRM). Demzufolge sollte sich der Betrieb unter anderem für seine Mitarbeiter interessieren und mit ihnen kommunizieren sowie ihre Weiterentwicklung fördern. Dann kann eine Firma langfristig auf gute und zufriedene Mitarbeiter aufbauen.

NetworkWorld: Praktizieren das schon viele Unternehmen?

Rohrmeier: Auf jeden Fall nicht genügend und in der New Economy schon gar nicht. Ansatzweise ist ein solches Bewusstsein in großen, oft amerikanisch geprägten Companies zu finden.

NetworkWorld: Sollen die Firmen verstärkt auf Outsourcing setzen?

Rohrmeier: Outsourcing lohnt sich weiterhin. Das ist ein Mittel, um Investitionsentscheidungen hinauszuzögern und Kapital stärker zu flexibilisieren.

NetworkWorld: In den 90er Jahren sorgten viele Betriebe für eine Verschlankung ihrer Hierarchien. Wie wird sich der Bedarf an Führungskräften weiterentwickeln?

Rohrmeier: Dieser Trend lässt sich sicherlich nicht umkehren. In puncto Qualität aber gibt es eine Veränderung: Der Anspruch an die Führungsfähigkeit der Manager wird größer. Die Leitung eines Unternehmens ist einfach, wenn wie im vergangenen Jahr die Geschäftssituation gut ist und viele Aufträge hereinkommen. In der aktuellen Situation wurde jedoch deutlich, dass manche Manager große betriebswirtschaftliche Fehler gemacht haben. Daher achten die Personalverantwortlichen wieder viel genauer auf die Qualifikationen. Ist die Marktsituation schwieriger, wird die Geschäftsführung wichtiger.

NetworkWorld: Die Gehälter im IT-Bereich sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Wird das so weitergehen?

Rohrmeier: Unvernünftig hohe Forderungen treten inzwischen seltener auf, beziehungsweise lassen sich nicht mehr durchsetzen. Das wird sicher auch so bleiben. Die Einkommen werden sich weiterhin nach oben entwickeln, aber langsamer als bisher. Allerdings wird es auch künftig Firmen geben, die wachsen müssen und daher dringend Fachkräfte benötigen. Wenn ihr Brand-Name für die anvisierten Spezialisten nicht genug Anziehungskraft besitzt, müssen die Unternehmen dieses Manko mit Geld ausgleichen.

NetworkWorld: Was ist Ihre Prog-nose für die Zukunft?

Rohrmeier: Ich denke, dass die Situation sich spätestens in einem halben Jahr wieder deutlich verbessert. (wk)

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Zur Person

Petra Riedel

ist freie IT-Journalistinin München.